Warum ich Flüchtlingen in der ZAST Halberstadt helfe

Unser Land wird sich verändern – warum ich Flüchtlingen in der Zast Halberstadt helfe

 

Die Kriege und Bürgerkriege im Nahen Osten und in Afrika seit 2003 und besonders seit 2011 haben in den betroffenen Ländern zu unvorstellbaren Zerstörungen, zu hunderttausenden Toten und zur Flucht von Millionen Menschen geführt. Blieben in den ersten Jahren die meisten Flüchtlinge in den Nachbarländern, so kommen sie seit einigen Monaten zu hunderttausenden nach Europa. 2015 werden mehr als 800.000 Flüchtlinge in Deutschland erwartet. In der Regel verlässt niemand seine Heimat ohne Not. Die jetzt kommenden Flüchtlinge haben oft alles verloren: ihre Häuser oder Wohnungen, ihre Arbeit ihre Existenz, oft auch engste Familienangehörige. Mit ihrer Flucht wollen sie ihr Leben retten, in einem sicheren Land ohne Krieg leben und für sich eine neue Existenz aufbauen. Für die Bekämpfung der Ursachen dieser Größten Völkerwanderung der Neuzeit ist die große Politik gefordert: Eine auf Frieden und Entwicklung gerichtete Außenpolitik gegenüber den arabischen und afrikanischen Völkern – ohne Waffenlieferungen aus Deutschland und Europa in diese Krisenregionen!

In der „Zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge“ (Zast) für Sachsen-Anhalt in Halberstadt sind zurzeit etwa 2.000 Flüchtlinge untergebracht. Da die Unterkünfte in festen Gebäuden nicht ausreichten, wurden etwa 100 Zelte errichtet, in denen jetzt mehr als 700 Flüchtlinge leben. Während einer Informationsveranstaltung des Landkreises in Halberstadt am 13.8.2015 erfuhr ich, welche konkrete Hilfe aus der Bevölkerung gebraucht wird. Unter anderen wurden Sprachmittler dringend gesucht. Da ich für meine 6-jährige Tätigkeit als Landwirtschaftsspezialist in Ägypten und im Jemen Englisch und Arabisch gelernt hatte, entschied ich mich, zwei Mal in der Woche in der Zast zu helfen.

Da etwa 70 von 100 Flüchtlingen aus Syrien kommen, war Arabisch besonders gefragt. Mir wurde an meinem ersten Tag empfohlen, mit zur montäglichen Essenmarkenausgabe zu gehen. Dort gäbe es unendlich viele Fragen der Flüchtlinge, die ich übersetzen könne. Von da an brauchte ich mich über Arbeitsmangel nicht zu beklagen:

- Bitten der Flüchtlinge, besonders der Familien mit kleinen Kindern, möglichst bald aus den     Zelten in ein Zimmer zu kommen;

- Nachfragen zum „Transfer“ , dem Transport in einen anderen Kreis;

- Begleitung und Vermittlung von Gesprächen mit den auf dem Gelände der Zast   befindlichen Dienststellen;

- Begleitung von erkrankten Flüchtlingen zum Ärztestützpunkt usw.

Am ersten Tag wünschte ein junges Ehepaar aus Syrien für die eineinhalb- jährige Tochter einen Kinder- Sportwagen. Zehn Minuten später saß die Kleine in einem solchen gespendeten Wagen.

Der Syrer Jahia erzählte mir, dass er nur die Kleidung besäße, die er auf dem Leibe trug. Seine dünne Hose würde ihn nicht vor der Kälte des Herbstes und des Winters schützen. Nach der Ausgabe der Kleiderspenden war Jahia im Besitz einer Jacke, einer Hose und eines Paar Schuhe.

Von den Mitarbeiterinnen der Caritas werde ich gebeten, Informationen, Aushänge und Plakate ins Arabische zu übersetzen – das geschieht umgehend.

Mit vielen Syrern führe ich Gespräche, erfahre von ihrer oft wochenlangen Flucht über mehrere Länder und frage sie nach ihrer Heimatstadt. 1996 hatte ich mit meiner Frau das damals schöne Land besucht. Wir hatten Damaskus, Palmyra, Hama und Aleppo  kennen gelernt, Damaskus und Aleppo gehören mit 5.000 Jahren zu den ältesten Städten der Welt. Heute sind Aleppo und Hama und viele weitere syrische Städte Trümmerwüsten. Ich sage dann zu den jungen Syrern, dass ihr Land sie nach dem Ende des Krieges dringend braucht – denn wer soll das Land wieder aufbauen, wenn nicht sie?

Bei allen Problemen – täglich kommen bis zu 200 neue Flüchtlinge an und eine gleich hohe Anzahl wird in die Landkreise gefahren – ist die Einsatz- und Hilfsbereitschaft der Haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen  und Mitarbeiter bewundernswert. Geduldig hören sie sich die Anliegen der Flüchtlinge an und helfen, wenn es möglich ist. Auch die Angebote der Bürger Halberstadts und der Orte des Landkreises zu helfen, sind vielfältig: Es werden Spiele  mit den Kindern und Veranstaltungen zur Begegnung organisiert, Kleider-, Sach- und Geldspenden treffen ein.

Wernigerode hat bisher noch keine Flüchtlinge zugewiesen bekommen, doch das wird sich in den kommenden Monaten wahrscheinlich ändern. Deshalb sollten sich der Stadtrat und die gesellschaftlichen Organisationen schon jetzt vorbereitend darauf einstellen, Flüchtlingen, die länger hier bleiben, zu helfen, ein neues Leben zu beginnen: Die Bereitstellung von Wohnraum, die Beschulung der Kinder, der Deutschunterricht für alle, die Berufsausbildung, die Bereitstellung von Arbeitsplätzen und die Einbeziehung in das gesellschaftliche Leben in den Städten und Dörfern unseres Kreises. Dafür müssen auch die Bürger gewonnen werden, damit Integration im besten Sinne des Wortes gelingt.

Nur so wird es möglich sein, dass die zu erwartende Zuwanderung nicht zu unüberwindlichen Problemen führt, sondern eine Chance zur Bereicherung unseres Landes sein kann.

Werner Kropf                                                                    Wernigerode, den 2.9.2015